Das Einsteinhaus in Caputh bei Potsdam

das Einsteinhaus in Caputh

das Einsteinhaus von der Obstbaumwiese her gesehen

Unsere Vorstellungen vom eigenen Heim werden oft sehr stark von unserer Umwelt geprägt und von unseren Mitmenschen beeinflusst. Eigene Ideen und Träume werden da ganz schnell verdrängt und verhindert. Große Räume mit viel Glas und überdimensionalen Fenstern sollen Luxus suggerieren. Und es muss großzügig gebaut werden. Schließlich baut man nur einmal im Leben. Doch solche Ansichten sind es, welche junge Menschen oft davor abschrecken, das Haus ihrer Träume zu bauen. Ein bescheidenes kleines Fertighaus mit Garten ist doch allemal besser, als die Wohnung zur Miete, wenigstens in Bezug auf das Familienheim. Es gibt und es gab viele bedeutende Persönlichkeiten, die genau diese Wohnphilosophie vertraten und lebten. Immerhin, einer davon ist der bedeutenste Nobelpreisträger der Welt.

Das vermutlich berühmteste und außergewöhnlichste Fertighaus steht bei Potsdam in Caputh. Es war das Sommerhaus Albert Einsteins. Es war Einsteins kleines Paradies, und nachdem ich es mir angesehen habe, kann ich es nur bestätigen: Albert Einstein lebte im ländlichen Caputh wirklich wie in einem Paradiesgarten und zwar mit seinem gesamten Wohnkonzept eines kleinen, schlichten Holzhauses im Wohn- und Terrassengarten, das an einer alte Obstbaumwiese lag.  In diesem Zusammenhang ist ebenso bemerkenswert, wie einfach die Familie Einstein in Caputh wohnte. Diese maßvolle Wohnphilosophie war ausschlaggebend für die Grundstruktur des Hauses, für den Stil und für die Verflechtung der Baukörper einschließlich der Terrassen mit dem Garten.

Albert Einstein hatte wohl schon lange den Wunsch, dass sein Traumhaus ein Blockhaus sein müsse, ganz nah Schweizer Art. Doch das Einsteinhaus ist kein Holzhaus im klassischen Sinne, also kein Blockhaus oder Blockbohlenhaus. Der Architekt Konrad Wachsmann lenkte die Einsteins dahin, für die Grundstruktur des Hauses das so genannte  Balloon-Frame-System zu verwenden, also einen modifizierten Fachwerkbau, der  1930 in Chicago entwickelt wurde.

Das Besondere am Einsteinhaus ist, dass es keiner reinen architektonischen Stilrichtung zugeordnet werden kann. Mit einiger humorvollen Großzügigkeit könnte man von einem „Elsa-Albert-Konrad-Stil“ sprechen, der folgende Entstehungsgeschichte hat:

Der junge Konrad Wachsmann, viel gereist und bereits sehr erfahren, aber ein angehender Architekt ohne Namen, wollte neue, revolutionäre Architektur erschaffen und sicher auch berühmt werden. Wachsmann nutzte beherzt die Chance, jenen populären Auftrag für das Einsteinsche Sommerhaus zu ergattern und traf zunächst die eher ablehnend reagierende Ehefrau Alberts, Elsa an. Nachdem das erste Eis bei dieser Aquise gebrochen war, nutzte Elsa ihre Chance, den jungen Architekten nach ihren Vorstellungen zu instruieren. Elsa hatte wohl sehr konkrete Vorstellungen von einem eigenen Heim. Sie wollte ein Haus mit dunkelrotem Ziegeldach, französischen Fenstern und vielen Terrassen, wie sie in den damaligen Schweizer Wohngärten modern waren. Das Wohnzimmer sollte einen Kamin haben, die anderen Zimmer aber eher klein angelegt werden und Alberts Schlaf-Wohn-Arbeitszimmer sollte möglichst ruhig und abgeschieden liegen.

Mit diesen Wünschen wurde das Wohnkonzept klar von Frau Einstein umrissen. Konrad Wachsmann machte seine ersten Entwürfe, die am kommenden Tage dem Hausherren vorgelegt wurden. Es war zuerst ein modernster Flachdach-Bau mit klaren Linien, großen Fenstern und modernster Haustechnik – etwa mit einer Gasheizung – aber ohne Kamin.  Albert Einstein hatte nun wiederum ebenfalls klare Vorstellungen von seinem zukünftigen Haus. Es sollte ein schlichtes Schweizer Blockhaus sein. Ein Flachdach kam für Albert erst recht nicht in Frage. Konrad Wachmann hatte nun ein Problem. Da galt es Elsas südfranzösisches Flair mit dem eher nordalpinen Holzbau Alberts zu vereinen und daneben noch modern zu bleiben. Außerdem hatte Konrad Wachsmann auch die Kritik und den Spott seiner Berufskollegen zu fürchten. Zudem musste Wachsmann schnell sein und durchdachte Lösungen präsentieren. Was er auch scheinbar spielerisch tat und damit die Bewunderung Einsteins für den jungen Werkmeister hervorrief.

Die besonderen Wünschen von Elsa Einstein könnte man zuerst als mediterrane Lebensart verstehen. Doch dies trifft nicht wirklich zu, denn dem mediterrane Süden ist das geschlossene Hof-Haus zueigen. Stark vereinfacht ist es der von Arkaden umgebene Hof oder das Atrium, um welches sich kühle Wohnräume lagern.

Beim Einstein-Haus ist das Prinzip genau umgekehrt. Die kühlen Wohnzellen liegen quasi zentriert und sind von offenen Hof-Räumen [Wohnterrassen] umgeben. Wobei ich die Wohnveranda ebenso als eine Art Wohnterrasse definiere. Das ist die traditionelle nordalpine Bauart und Wohnkonzeption. Das einzige Zugeständnis an den Süden sind die großen französischen Fenster mit ihren Lamellen-Klappläden, welche es ermöglichen, die Räume im Sommer vom Fußboden her bis zur Zimmerdecke erfrischend querzulüften. Im Winter lassen die Fenster wiederum tageslichtdurchflutete Zimmer entstehen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Wachsmann diese speziellen französischen Fenster detailgetreu in sein Holzhaus übertragen hat, abgesehen von fehlenden Fensterkreuzen. Man hat bis heute in vielerlei Art Bodenfenster gebaut, denen es letztlich an den entscheidenden Details mangelt und wo die Funktion nicht entsprechend der Form folgt. Nur mit äußeren Schattenläden ergeben die bodentiefen Fenster einen Sinn und haben Stil. Lange, schmale, lichtschachtähnliche Fensteröffnungen mit Jalousien erfüllen den Zweck der Sommer-Lüftung weniger gut. Wachsmanns moderner Fertigbau bleibt somit ein Beispiel für wirkliche Meisterarbeit, welche Gestaltung und Zweck in idealer Weise verbindet. Das ist der Unterschied zur bloßen Nachahmung, wie uns bereits Johann Wolfgang von Goethe in seinem Gedicht  „Lehrbrief“ aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ beschrieb.

Das Einstein-Haus ist ein funktionierendes Zusammenspiel von Weite und intimer Nähe. Die Räume des Hauses sind auf die wirklich notwendige Größe, die es zum Wohnen braucht, reduziert. Durch Einbauschränke oder verdeckte Waschnischen wirken die Räume optisch großzügig und sind dabei multifunktional nutzbar. Bei den schmalen Fluren hat man an den abgehenden Türen auf zum Teil auf  Türgewände verzichtet oder sie nur andeutungsweise ausgebildet. Dadurch strahlt der Holzbau im Inneren eine ruhige, klare Ordnung aus. Die Proportionen und Dimensionen sind auf einem Minimum ausgereizt, das bei aller Einfachheit und Genügsamkeit und bei allem Maßhalten in keiner Weise beengend wirkt. Das gilt allerdings nur für das Innere des Hauses. Tritt man aus dem obern Flur auf die Dachterrasse des Hauses, dann hat diese schon die optische Dimension eines Ballsaales. So auch die Treppe zur Haus- und Gartenterrasse, die einem Lustschloss alle Ehre machen würde.

In seinem Gesamtkonzept mit Wohngarten und Gartenhaus ist das Haus Albert Einsteins in Caputh heute noch bemerkenswert. Es kann Muster für einen Eigenheimbau sein, der von einem einfachen Baukörper ausgehend erweitert werden kann, wenn man die Veranda am Einsteinhaus als möglichen Erweiterungsbau sieht. Auch eine Erweiterung der Wohnfläche durch einen separaten Baukörper, wie es das Gästehaus darstellt, ist durchaus ein nützliches Konzept. Zudem sind  Garten und Haus vielmehr als Einheit zu sehen.

Das natürliche Wohngebäude beginnt bei dieser Sichtweise also schon an der Grundstückseinfriedung, und die Gartenpforte wäre dann die Haustür zu diesem Fantasiegebäude aus Holz, Grün und Himmelsgewölbe. Meine Recherchen haben ergeben, dass die damalige Konzeption der Schweizer Wohngärten sehr von der japanischen Art zu Wohnen geprägt wurde und damit auch die Bedeutung des Baukörpers im Garten: „Das japanische Wohnhaus steht im allgemeinen nicht an der Straße sondern fast immer im Garten, umgeben von einem hohen Bretter- oder Bambuszaun oder einer immergrünen, beschnittenen Hecke, manchmal auch einer Steinmauer. Die Mauer oder der Zaun müssen als eigentliche Außenwand des sehr offenen, japanischen Hauses betrachtet werden. Über solche Umzäunungen ragt lediglich das frische Grün der Bäume hervor,  und dazwischen sind nur die Dächer der Häuser sichtbar.“ Wer vor dem Einsteinschen Grundstück steht, der wird bemerken, dass diese japanische Art des Wohnens dem Gartenhaus Albert Einsteins in Caputh recht nahe kommt.

Es mag Zufall sein, aber auch die Innenräume des von Wachsmann konzipierten Sommerhauses spiegeln in vielerlei Weise die besonderen Vorzüge japanischer Wohnhäuser wieder:  „Durch die Schaffung vieler großer Tür- und Festeröffnungen kann das Klima im Haus rasch reguliert werden und Hausinneres und Garten können zu einem Ganzen verschmelzen. Praktisch eingebaute Wandmöbel und Schlafnischen hinterlassen einen ausgedehnten Flächeneindruck und ermöglichen es, die Räume vielseitig zu nutzen
( jeder allgemeine Raum kann z.B. auch als Schlafraum genutzt werden)“. So in etwa beschrieb der japanische Architekt und  Zeitgenosse Wachsmanns Tetsuro Yoshida die Vorzüge der traditionellen japanischen Wohnarchitektur.

Es ist durchaus so, dass man sich nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland viel mit japanischer Architektur beschäftigte. Die Bauhausarchitektur ging etwa in diese Richtung. Doch bleibt am Ende die Frage ob es einem anderen Architekten, außer Konrad Wachsmann, so hervorragend gelang, das Wesen des japanischen Wohnhauses auf unsere Kultur zu übertragen. Auf jeden Fall kann man behaupten: Einstein bewohnte einen Garten mit Haus und nicht ein Haus mit Garten.
Literaturquellen: D. Bonfiglio, Paradies auf Zeit Albert Einsteins Haus in Caputh, Potsdam 2005; Vom Sinn des Details, Zum Gesamtwerk von Konrad Wachsmann, Köln 1988; Tetsuro Yoshida, DAS JAPANISCHE WOHNHAUS, Tübingen 1954; Bruno Taut, Das japanische Haus und sein Leben. Berlin, 1997.    Weiterlesen –>

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